Eine Woche meines Lebens -
aufgeschrieben im August 2005 - sind dieses Jahr im August
2010 vorüber. In der Zwischenzeit hat
sich im Bereich der Selbsthilfe viel getan.
Wenn Sie mögen schreiben
Sie mir ebenfalls > Ihre Woche in fünf Jahren <
Wenn Sie mögen schicken Sie
mir diese zu - gerne auch mit Foto!
Vielleicht entsteht daraus
ein Mut machendes Buch und wir schauen gemeinsam was bis
2015 daraus geworden ist.
Hier nun was ich 2005
geschrieben habe.
Geschrieben im Jahr 2005 im Krankenhaus, in dem ich wegen
Depressionen gelegen bin und ab da mein Leben eine Wende
genommen hat. Diese Geschichte ist ein Puzzleteil für die
Änderung.
Stand beim
Schreiben der Geschichte:
Sommer
2005, männlich, 48 Jahre, verheiratet, 3 Töchter
Stationäre Behandlung wegen schweren Depressionen bis zu
Selbstmordgedanken. In der Depressionsgruppe wird gebeten,
doch einmal aufzuschreiben was in fünf Jahren ist. Diese
Geschichte wurde aufgeschrieben – in einem Rutsch. Es ist
sogar noch ein versteckter Selbstmordtermin darin enthalten.
Nur eine Schwester hat diesen Termin hinterfragt.
Glücklicherweise ist es dann auch nicht dazu gekommen.
22. August
2010
Eine Woche
meines Lebens . . .
Montag
Das
Wochenende ist zu Ende. Es war sehr schön. Wir sind
gewandert. Marion und ich sind bald 30 Jahre verheiratet.
Der Wecker klingelt kurz nach 7 Uhr und wir frühstücken
zusammen. Ulrike ist bereits unterwegs zur Schule. Katrin
ist nun schon seit einem Jahr mit ihrem Freund zusammen
gezogen. Tanja hat eine Ausbildung abgeschlossen und geht
nun auch weiter zur Schule.
Tja und ich? Ich denke zurück. An diesen Sommer im Jahr 2005
der keiner war. Dieser Sommer der so vieles an Veränderung
mitgebracht hat. Dieser Sommer an dem ich Depressionen
kennen gelernt habe. Dieser Sommer der mein Leben verändert
hat. Gestern habe ich meine Hefte von damals gefunden.
Keinen habe ich sie lesen lassen. Nicht einmal Marion.
Dieses ständige auf und ab. Es war schlimm. Vier Hefte habe
ich damals voll geschrieben.
Das letzte hätte ich beinahe nicht mehr schreiben können.
Morgen am Dienstag sind es fünf Jahre an dem ich . . .
Tränen steigen mir in die Augen. Dann fallen mir die vielen
guten Erinnerungen von damals ein. Die neuen Freunde, mein
Bruder mit seiner Familie – wir sind noch immer verbunden.
Er lebt jetzt in der Türkei. Wir besuchen uns jedes Jahr
einmal gegenseitig. Mit einigen habe ich immer noch Kontakt.
Dann fällt mir die Pia ein. Meine Psychologin die mir sehr
geholfen hat, damals. Auch mit ihr und einigen anderen vom
PLK habe ich noch immer Kontakt. Es ist so gekommen wie wir
alle damals befürchtet haben. Depression ist heute im Jahr
2010 die Volkskrankheit Nummer eins geworden. Die
Globalisierung damals hat ihre Opfer gefordert.
Arbeitsplätze gingen verloren. Die Depression wurde – auch
mit meiner Hilfe – in die Öffentlichkeit gebracht. Die
damaligen Probleme wurden in der Zwischenzeit angegangen.
Mittlerweile gibt es flächendeckend Kliniken wie damals in
Winnenden. Es ist auch nicht mehr denkbar, dass ein Hausarzt
zu lange einen Patienten behandelt oder gar falsch
behandelt. Vor allem Ehe- und Lebenspartner werden voll mit
eingebunden.
Auch die Nachsorge hinterher hat sich verbessert. Anfang des
Jahres 2006 hat alles begonnen. Arbeit gekündigt bei der
Krankenkasse. Durststrecke überwunden. Heute bin ich immer
noch mit diesem Thema beschäftigt. Es ist ein Teil meiner
heutigen Arbeit geworden. Kurz gesagt ich helfe Menschen mit
ihrem Leben klar zu kommen.
Kann man
damit reich werden? Ja, das kann man! Allerdings viel Geld
verdienen lässt sich damit nicht.
Da sind wir beim zweiten Teil meiner Beschäftigung. Ich hatte
damals auch angefangen mit einer Geschichte. Ich denke gerne
zurück an mein Gespräch mit Pfarrer Rabus vom PLK. Damals
hätte ich nicht gedacht wie schnell sich manches entwickeln
kann. Keiner hat das gedacht. Es handelt sich um die
Geschichte: „Auf einmal war er da!“ Ein weiterer Teil meiner
beruflichen Tätigkeit ist immer noch das Schreiben von
Kinderbüchern. Von Tschemi, Bärli und auch Hupsi. Viele
Eltern erzählen ihren Kindern ähnliche Geschichten. Und,
natürlich Tadäus Nepermuk, mein Hausgespenst.
Heute
Mittag treffe ich mich mit meinem langjährigen Freund
Roland.
Dienstag
Das Telefon klingelt schon morgens um fünf. Ein Patient (XX)
aus einer meiner Gruppen liegt nach einem Selbstmordversuch
im Krankenhaus. Ich fahre sofort zu ihm. Er wird es
schaffen.
Um 10.00 Uhr war eigentlich eine Buchvorführung in Stuttgart
geplant. Ich sage sie telefonisch ab. Ich rede dafür mit der
Ehefrau. Die Kinder sind bei mir zu Hause. XX hat gestern
auch noch seine Arbeit verloren. Seine Ehefrau erzählt, dass
er nicht mehr ein noch aus wusste. Jetzt greift mein
aufgebautes Netzwerk. Arbeitsamt, Stellenvermittlung, viele
Gespräche mit XX. Viele ehemaligen Patienten sind in dieses
Netzwerk eingebunden. Allerdings wollen mache der Patienten
nicht mehr an die Zeit ihrer Depression und den
Krankenhausaufenthalt denken. Es ist das alte Problem. Das
Glas wurde zu voll. Eigentlich hätte XX sich an mich wenden
sollen. Mittags trifft sich die Gruppe. Alle sind entsetzt.
Wir reden ausführlich. Gegen Spätnachmittag schaue ich bei
der neu gegründeten WG vorbei. Alle freuen sich. Jedoch gibt
es noch einige Problem. Ich notiere mir einiges auf dem
Laptop. Gemeinsam wollen wir die Dinge angehen.
Wichtig
nicht den Menschen fischen – nein den Menschen das fischen
lernen.
Am Abend komme ich nach Hause. Tanja hat ihren neuen Freund
mitgebracht. Wir reden wie so oft über alle möglichen Dinge.
Ulrike kommt später dazu. Es sind ja Ferien. Sie war mit
Freunden unterwegs.
Marion kommt vom Studio und ist geschafft. Wir machen kurz
nach zehn noch einen kleinen
Spaziergang.
Mittwoch
Ich hole die Buchvorführung vom Vortag nach. Es läuft sehr
gut. Ein neuer Vertrag steht ins Haus. Mittags erhalte ich
Nachricht, dass es XX geschafft hat. Alles wird wieder gut.
Ich erledige verschieden Dinge die angefallen sind. Besuche
einige wichtige Personen meines
Netzwerkes. Bin also laufend unterwegs.
Donnerstag
An diesem meinem „geheiligten“ Donnerstag stehe ich schon um
fünf Uhr auf und schreibe. Das wurde für mich mittlerweile
die beste Zeit. Ich lasse meine Gedanken fließen und meine
Finger schreiben so schnell es geht.
Mir fällt
mein Jahrestag vom Dienstag ein. Hab ich doch glatt
vergessen.
Frühstück um 9.00 Uhr mit allen zusammen. Danach schreibe ich
weiter, schaue nach meinen eMails, beantworte diese und
schreibe neue. Ich telefoniere, werde angerufen. Nachmittags
bin ich bei einem Freund, der mit mir in Südafrika war. Wir
haben ein gemeinsames Projekt. Das wollte ich ja damals auch
machen. Und es hat geklappt mit ein paar Jahren Verzögerung.
Ein Teil
meines Honorars soll dort eingebracht werden.
Ich denke an den Spruch von meinem Freund Idris: Wenn ich
will, dann mach ich! Wie wahr.
Am Spätnachmittag treffe ich wieder „Ehemalige“. Dabei
handelt es sich um Patienten um die ich mich nach dem
stationären Aufenthalt kümmere. Viele Problem die gelöst
werden müssen. Das Ende ist nicht voraus zu planen. Ich
komme diesmal erst um 23.00 Uhr nach Hause. Es war ein
langer Tag.
Freitag
Heute ist so eine Art Tag der offenen Tür. Jeder kann mich zu
Hause besuchen. Ich bin den ganzen Tag da. Es wird viel
geredet, gelacht und auch mal geweint. Ich kann von allen
Besuchern etwas lernen. Neue Verbindungen entstehen. Das
Netzwerk erweitert sich ständig. Meine Philosophie jeder
versucht dem anderen durch seine Verbindungen zu helfen
greift.
Am Abend
spiele ich mit Tanja und Ulrike Badminton.
Samstag
Heute kommt Katrin zu Besuch. Wir trinken gemütlich Kaffee.
Die ganze Familie ist zusammen. Jeder kommt zu Wort und
jeder erzählt von seiner Woche. Am Abend sind Marion und ich
alleine. Wir reden seit dem Jahr 2005 regelmäßig
miteinander. Damals hab ich ein Kamel gemacht im PLK. Es
sollte dem Partner gegeben werden, wenn die Zeit zum reden
gekommen ist. Ich habe am Anfang das Kamel öfters bekommen.
Jetzt brauchen wir es nicht mehr. Zur Mahnung steht es aber
immer noch im Büro.
Wir trinken
noch gemütlich etwas und gehen zu Bett.
Sonntag
Sonntags haben wir immer mal wieder Gäste. Freunde die wir
aus den letzten fünf Jahren neu kennen gelernt haben. An
diesem Sonntag sind wir eingeladen. Auch im PLK kennen
gelernt. Er hat lange mit sich gekämpft und es dann auch
geschafft. Heute geht es ihm und seiner Familie gut. Ja, da
sind wir heute zum Essen eingeladen. Am Nachmittag gehen wir
gemütlich eine Runde drehen. Es war wieder eine richtig gute
Woche.
Übrigens:
Mein damals erkämpftes Gewicht mit 70 kg habe ich nicht
gehalten. Habe wieder sechs drauf gepackt. Dafür hat Marion
glaub 12 kg runter. Sport treibe ich natürlich auch noch.
Malen tue ich auch noch – aber das nur für mich.
Und sonst?
Ich muss
mal wieder aufschreiben wo ich im Jahr 2015 stehen werde.
Günter
Schallenmüller
Sie finden die Geschichte und die Erklärung
dazu im Download-Bereich